6 tages-spiel
6 day play les 6 jours de festivité il teatro dei 6 giorni

"Die Presse", 7. 8. 1998
Schimanek verbietet 6-Tage-Spiel Nitsch darf nur noch privat feiern
Keine Genehmigung hat Nitsch für sein Orgien-Mysterien-Theater. Nun wurde die Veranstaltung geschlossen - und wird als privates Spektakel weitergeführt.

WIEN. FP-Landesgeschäftsführer Hans Jörg Schimanek hat Hermann Nitschs 6-Tage-Spiel genau beobachtet. Erst fragte er als für Wasserrecht zuständiger Landesrat beim Gänserndorfer Bezirkshauptmann nach, ob denn das Fassungsvermögen der Senkgruben und die Anzahl der Waschgelegenheiten auf Schloß Prinzendorf allen Auflagen entsprächen. Sie entsprachen. Dann erkannte Schimanek, der auch für Veranstaltungen zuständig ist, daß Nitsch für seine Aktion um keine Genehmigung als öffentliche Veranstaltung angesucht hatte - da lief das Spektakel freilich schon drei Tage lang. Donnerstag wurde das Orgien-Mysterien-Theater (OMT) aufgrund der fehlenden Anmeldung offiziell geschlossen. Nachdem er am Mittwoch Werbung für das Spiel im Internet und in den ORF-Nachrichten gesehen habe, "wurden mir die letzten Beweise geliefert", daß es sich nicht - wie von Nitsch immer behauptet - um eine private Veranstaltung handelt, so Schimanek zur "Presse". Noch Mittwochabend gab er die Weisung, das OMT "sofort behördlich zu untersagen". Reichlich spät, kritisierten SPÖ und ÖVP. Donnerstag, 12 Uhr, trafen Schimanek, der zuständige Bezirkshauptmann und der Anwalt des "Vereins zur Förderung des Orgien Mysterien Theaters" zusammen. Man einigte sich darauf, das Spektakel offiziell zu beenden, um es sogleich als Privatveranstaltung weiterzuführen. Die Werbung wurde eingestellt.
Der Künstler lud daraufhin in einer Erklärung alle "meine Freunde" und die ihm nahestehenden Personen auf, am Spiel teilzunehmen - und zwar gratis. Denn: Geld darf Nitsch für das Theater keines mehr verlangen. "Das Spektakel wird aber wie geplant weitergeführt", hieß es in Prinzendorf.
Bisher hatte man im Schloß im Schnitt 350 Besucher. Jene, die sich nicht zum engeren Freundeskreis Nitschs zählen konnten, mußten erstens dem Verein beitreten und zweitens ihren Obolus entrichten: 3000 Schilling für einen Orgien-Tag, 6900 Schilling für alle sechs Tage - Kunst, Getränke und eine üppige Verpflegung inklusive. "Es ist ja nicht verboten, daß ein Verein für bestimmte Leistungen einen Kostenbeitrag einhebt. Das ist wie wenn man mit alten Freunden einen Ausflug macht - da zahlt auch jeder", erklärt der Anwalt des Vereins, Daniel Charim, seine Sicht der Dinge. Deshalb sei nicht mit Rückforderungen - weder seitens der Besucher noch seitens der Behörden - zu rechnen.
Schimanek gab sich mit dem Ergebnis des gestrigen Tages nicht zufrieden: "Ich habe jetzt auch Anzeige erstattet, weil dort gegen humanmedizinische und veterinärmedizinische Bestimmungen sowie gegen den Jugendschutz verstoßen wird: Auf der Veranstaltung sind auch Kinder, faules Fleisch liegt herum und es stinkt fürchterlich." Eines will er jedoch betonen: "Das hat nichts mit der Kunst des Herrn Nitsch zu tun - die ist mir wurscht."

"Die Presse", 5. 8. 1998
Radikal sensibilisiert
Hermann Nitschs "Sechstagespiel" ist eine auch heute noch gültige Form des Gesamtkunstwerks. ...
In einem Durchlauf durch Orte, Zeiten, Kulturen, Religionen durchforstet er archaische Rituale, volkstümliche, außereuropäische, heidnische Bräuche ebenso wie die katholische Tradition und Symbolik. Das ist ebenso sehr in einem theatralischen, musikalischen wie bildnerischem Gesamtzusammenhang zu sehen. Wenn Kunst bei der Sensibilisierung von Wahrnehmung, der Intensivierung realen Erlebens ansetzt (und oft scheitert), erreicht Nitsch in seiner Radikalität Sinne, Denken und Wissen aufs intensivste anzusprechen - und fordert auch heute die Auseinandersetzung damit heraus.
(bis zum Sonnenaufgang des 9. August. Info: 02533/89380, Internet: www.nitsch.org/ien/).

"Kurier", 4. 8. 1998
Prinzendorf, der erste Tag: Das Mysterium fehlt
Zwölf Uhr Mittag in Prinzendorf. Die Sonne brennt auf den Festhof. Gänse spazieren langsam über das idyllische Gelände. Hühner suchen unter Tischen Schatten. Musikkapellen spielen. Die Klangkulisse, die die überall verteilten Bläser, Trommler und Glockenspieler schaffen, ist beeindruckend. Ruhig und offensichtlich gekonnt dirigiert Hermann Nitsch seine Kultknechte.
Die weiß gekleideten Menschen sind mit dem Ausweiden von drei Tieren beschäftigt. Ein an ein Kreuz gebundener Mann wird mit Blut bearbeitet. Die Mitarbeiter erledigen ihre Arbeit ruhig, beseelt scheinen sie aber nicht. Erstaunlich unbeteiligt wirken manche Gäste. Vielleicht ist es der Hunger, der die Menschen dämpft, denn sobald Gulaschduft den Fleischgeruch verdrängt, kommt etwas Leben auf.
Nach Theater sieht das Orgien-Mysterientheater des Hermann Nitsch aus. Alle Zutaten, die man von einem Schauspiel erwartet, sind vorhanden. Die Kulisse stimmt, der Ablauf funktioniert klaglos und die Akteure beherrschen ihr Handwerk so recht und schlecht. Man sieht, daß hier Laien agieren. Was fehlt, ist das Mysterium. Zumindest in den ersten Stunden erschließt es sich nicht. ...

"Der Standard", 3. 8. 1998
Nitschs "Sechs- Tage-Spiel" in Prinzendorf und live im Internet
Prinzendorf - Heute, pünktlich zu Sonnenaufgang um 4.45 Uhr wurde Hermann Nitschs Lebenswerk Sechs- Tage-Spiel mit einem Streichquartett in Prinzendorf eröffnet. Bis zum 9. August werden über 300 Akteure unter der Spielleitung von Alfred Gulden Nitschs Partitur zur Regung aller Sinne ausführen.
Wer nicht vor Ort beim Spiel ums "Daseinsglück" dabei sein kann, dem wird das aktionistische Gesamtkunstwerk ins Haus geliefert. Geruchlos freilich, doch zumindest live und kostenlos, kann jedermann per world-wide- web (www:nitsch.org/ien) rund um die Uhr dabei sein, wenn der Zeremonienmeister aus dem Weinviertel das Leben feiert.
Als Einstieg in die existentielle Materie sei neben einem Viertel Wein Hermann Nitschs zweiter Versuch Zur Theorie des Orgien Mysterien Theaters (Residenz Verlag, 1995) empfohlen, zum genauen Studium der laufenden Ereignisse liegt in der Edition Freibord die 1595 Seiten starke Partitur des Sechs-Tage- Spiels vor.
Das Wiener Museum moderner Kunst veranstaltet zum aktuellen Anlaß von 4. 8. bis 9. 8. täglich um 17 Uhr Sonderführungen mit Dieter Schrage zum Werk des umstrittenen Aktionisten. Die Galerie Krinzinger bietet Editionen C & K - Präsentationen Historischer Editionen vom Wiener Aktionismus der 60er und 70er Jahre, die Galerie Curtze zeigt bis 22. August Fotos von Heinz Cibulka.

"Wiener Zeitung", 31. 7. 1998
Heftige Proteste gegen Nitsch von seiten der Tierschützer
Weiter Aufregung um das 6-Tage-Spiel

... Das Medieninteresse am 6-Tage-Spiel, das vom 3. bis 9. August auf Schloß Prinzendorf stattfindet, ist indessen groß: Mehr als 70 Journalisten aus aller Welt haben derzeit das Akkreditierungsverfahren durchlaufen und sind als Berichterstatter zur Veranstaltung zugelassen. Erwartet werden sowohl Vertreter der Printmedien als auch diverser Radio- und Fernsehstationen. Bei der Mehrzahl der akkreditierten Journalisten handle es sich um Kunst- und Kulturredakteure aus Österreich, Deutschland, der Schweiz, Großbritannien, Frankreich, Italien, Ungarn, Litauen und den USA.
Der erste Tag von Hermann Nitschs 6-Tage Spiel wird am 3. August live im Internet übertragen. Unter der Adresse "http://www.nitsch.org/ien" können sich Interessierte in der Zeit von 4.45 bis 22 Uhr ihr eigenes und "unzensuriertes" Bild über das Orgien Mysterien Theater machen. Es ist dies das erste Mal, daß eine ganztägige Theaterveranstaltung in Österreich live im Internet ausgestrahlt wird. Für all jene, die den Live-Termin versäumen, wird die Übertragung in den darauffolgenden Tagen als Aufzeichnung ausgestrahlt.

"Kurier", 22. 7. 1998
Waren Sie schon in Behandlung?
Chat im Internet mit Nitsch: Seichte Fragen und ein falscher Nitsch

Die "Arge Daten" rief zur Plauderstunde mit Hermann Nitsch ins Netz und rund 50 Menschen kamen. Mit einem kurzen "Ich bin da" eröffnet Hermann Nitsch das Gespräch. Sein Pressesprecher tippt die Botschaft in den Computer. "juhu, Na, das ist aber toll, Wow, alles in Großbuchstaben." Der Moderator versucht die Plauderer zu ernsthaften Fragen zu bewegen. Erfolg ist ihm vorerst nicht beschieden. ...
Plötzlich wird der Techniker aktiv. Ein Hermann Nitsch hat sich eingeklinkt. "Kunst ist, was mir gefällt" gibt er zum besten. Ein paar schnelle Befehle und der falsche Nitsch ist aus der Leitung. Noch zwei Mal versucht er es, dann gibt er auf. Er war aus Österreich, wie die meisten, die mitmachen, sagt der Techniker. "Herr Nitsch, waren Sie schon einmal in psychiatrischer Behandlung?" Auf solche Fragen sollte man kurz antworten, rät der Moderator. Nitsch folgt und sagt "nein". Eine Stunde ist vergangen. Ein enttäuschter Hermann Nitsch resümiert: "Die Fragen, die gestellt wurden, waren von seltener Seichtheit."

"profil", 20. 7. 1998
"Ich liebe die Tiere sehr"
Aktionskünstler Hermann Nitsch über sein 6-Tage-Spiel, die Kritik von Kirche und Tierschützern und die Zukunft seines Orgien-Mysterien-Theaters.

profil: Herr Nitsch, was schmerzt Sie eigentlich mehr, die Qualifikation als Blasphemiker oder die Qualifikation als Tiermörder?
Nitsch: Die als Tiermörder. Weil ich Tiere sehr liebe. Ich lebe ja hier in Prinzendorf mit Tieren. Ich habe zwei Hunde, ich habe Katzen, Pfauen, Gänse und ein Maultier. Ich kann nur wiederholen, was ich seit dreißig Jahren betone: 99 Prozent aller Tiere, die ich je für meine Aktionen verwendet habe, wurden im Schlachthaus oder beim Fleischhauer gekauft. Sie wurden also, bevor ich sie benötigt habe, für die Ernährung der Menschheit getötet. Dreimal nur habe ich eine Schlachtung in die Aktion einbezogen, und auch da handelte es sich um Tiere, die sowieso zur Schlachtung bestimmt waren, und jedesmal wurden sie nach der Schlachtung verzehrt.
profil: Tierschützer sprechen in diesem Zusammenhang von einer "Entwürdigung der Tiere zum Show-Objekt".
Nitsch: Das möchte ich strikt von mir weisen. Es geht nicht um Entwürdigung, sondern um Wahrhaftigkeit: Ich möchte den Prozeß zeigen, der dazu führt, daß wir Fleisch essen können. Ich bin kein Vegetarier, ich bekenne mich dazu, daß ich Fleisch esse. Aber man sollte dabei nicht verdrängen, daß dafür Tiere getötet werden müssen.
profil: Wie erklären Sie sich denn die Heftigkeit der jüngsten Anfeindungen, nicht nur von Tierschützern, sondern auch aus kirchlichen Kreisen? Kardinal Schönborn und Diözesanbischof Kapellari haben Ihnen in einer offiziellen Erklärung "einen schwerwiegenden Angriff auf die Gottesverehrung und die Menschenwürde" vorgeworfen.
Nitsch: Ich bin seit fünfzehn Jahren nicht mehr von der Kirche attackiert worden. Ich habe sogar oft in Kirchen ausgestellt, obschon ich kein praktizierender Christ bin und mich nie bei den
Katholiken eingeschlichen habe. Trotzdem schätzen viele Theologen meine Arbeit, weil sie glauben, daß ich ihre Symbole wieder versinnliche und den Menschen zum Bewußtsein bringe, was eigentlich Fleisch und Blut ist. ...
DAS 6-TAGE-SPIEL UND SEINE GEGNER
Im Schloß Prinzendorf im Weinviertel probt Aktionskünstler Hermann Nitsch sein 6-Tage-Spiel, das Tierschlachtungen, Prozessionen, Musik, Essen und Trinken einschließt. Vorvergangene Woche wurde Nitsch von Kardinal Christoph Schönborn und Diözesanbischof Egon Kapellari scharf kritisiert. Gleichzeitig bezichtigten ihn Tierschützer des Tiermordes und riefen zu einer "Großdemonstration gegen die öffentlichen Schauschlachtungen zur Volksbelustigung" auf. Vertreter des Vereins gegen Tierfabriken (VgT) erstatteten Strafanzeige gegen Nitsch. Am 21. Juli um 16 Uhr stellt sich der Künstler unter http://www.nitsch.org/ien im Internet einer Diskussion.

"Der Standard", 17. 7. 1998
Tierschützer: Strafanzeige gegen Nitsch
... Die Strafanzeige sei bei der Staatsanwaltschaft Korneuburg wegen "Herabwürdigung religiöser Lehren", "Tierquälerei" und "Aufforderung zu mit Strafe bedrohten Handlungen" eingebracht worden. Zudem habe der Rechtsanwalt des Vereines, Stefan Traxler aus Mödling, die Unterbindung der Aktion beantragt.
Im stark frequentierten Internet-Diskussionsforum Hermann Nitsch führen schon seit Wochen Befürworter und Gegner heftige Auseinandersetzungen zu den Themen Aktionismus und Tierschutz.
Am 21. Juli (ab 16 Uhr) wird sich Nitsch persönlich einem Chat mit der Internet-Öffentlichkeit stellen: Auf der Web- Seite http://www.nitsch.org/ien gibt er Auskunft - zum Beispiel darüber, daß nur Stiere geschlachtet werden, die ohnedies für eine Schlachtung vorgesehen sind, beziehungsweise, daß die Schlachtungen nur von professionellen Schlächtern vorgenommen werden, also Tierquälerei nicht das Anliegen des international renommierten Aktionskünstlers ist. Wer Lust hat, kann dem kleinen Mann mit dem Rauschebart auch ein e-mail schicken: hermann@nitsch.org.

"Der Standard", 15. 7. 1998
Internet-Diskussion mit Nitsch
Nach heftigen Protesten von Tierschutzorganisationen und der katholischen Kirche anläßlich seines geplanten
6-Tage-Spiels stellt sich der Aktionskünstler Hermann Nitsch am Dienstag (21. Juli) ab 16.00 einer öffentlichen Internet-Diskussion. (http://www.nitsch.org/ien)

"Wiener Zeitung", 15. 7. 1998
Nitsch: Proteste von Tierschützern
Die Auseinandersetzungen um Hermann Nitsch und sein geplantes "6-Tage-Spiel" reißen nicht ab. Gestern haben sich die österreichische Sektion der Internationalen Liga für den Schutz von Pferden (ILPH) und das Österreichische Komitee zum Schutz der Pelztiere den massiven Protesten des Österreichischen Tierschutzvereins und des "Vereins gegen Tierfabriken" angeschlossen. Die ILPH spricht sich gegen die sogenannte "Blutorgie im Gutshof Prinzendorf" aus. Sie wirft Nitsch die Schlachtung von drei Stieren, neun Schweinen und Lämmern aus reinen Vermarktungs- und Profitzwecken vor. Am 21. Juli stellt sich Hermann Nitsch ab 16 Uhr persönlich im Internet: (http://www.nitsch.org/ien)

"Niederösterreichische Nachrichten", 13. 7. 1998
Nitsch im Net
Er polarisiert die Österreicher wie kein zweiter Künstler in diesem Land. Nun gibt's Hermann Nitsch (endlich?) auch im Internet: Mit einer umfassenden Biographie und ausgewählten Werken des Aktionskünstlers. Am schönsten ist aber das Diskussionsforum, in dem per e-mail heftigst und unzensuriert zu Hermann Nitsch Stellung genommen wird. "Krank" ist da noch der harmloseste Vorwurf. http://www.nitsch.org/ien